16.03.2026

Anna - Teil 2

Anna, Teil 1 erschien im Pfarreiblatt Ausgabe 6/2026.
Adligenswil Meggen Udligenswil Erwachsene Jugend Kinder & Familien Senioren

Aus Steinen wächst etwas Schönes

Die Schritte blieben direkt vor der Bank stehen. Anna wandte sich um und erkannte Frau Meier, die Sakristanin der Pfarrei. Die ältere Frau hatte Anna schon oft in der Kirche gesehen, doch nie etwas gesagt. „Hallo Anna“, sagte Frau Meier leise. „Darf ich mich zu dir setzen?“ Anna nickte stumm. Und plötzlich brach alles aus ihr heraus – die Enttäuschungen, die Tränen, all die schweren Steine, die sie Tag für Tag mit sich getragen hatte. Worte, die lange in ihrem Herzen festgesteckt hatten, fanden endlich ihren Weg nach draussen.

 

Frau Meier hörte einfach zu. Ohne zu unterbrechen, ohne zu urteilen. Sie sass einfach neben Anna, still und aufmerksam – so, als hätte sie alle Zeit der Welt. Nach einer Weile legte sie behutsam ihre Hand auf Annas Schultern. «Anna» sagte sie sanft, «ich sehe dich. Ich sehe, wie sehr du kämpfst. Und ich sehe auch deinen Mut. Du schaffts das. Ich bin stolz auf dich – nicht, weil du gewinnst oder perfekt bist, sondern weil du immer wieder aufstehst und weitergehst». Für Anna fühlten sich diese Worte an wie ein warmer Sonnenstrahl, der durch eine dichte Wolkendecke bricht. Die schweren Steine in ihrer Tasche wurden ein wenig leichter. Von diesem Tag an war Anna nicht mehr allein. Frau Meier blieb an ihrer Seite – nicht jeden Augenblick, aber immer dann, wenn die Steine wieder zu schwer wurden und Anna zu zweifeln begann.

 

Nach und nach begann Anna, die Steine aus ihrer Tasche zu nehmen. Hinter der Kirche, im kleinen Garten, stapelte sie sie zu einem stillen Hügel. Zwischen die grauen Steine pflanzte sie Blumen – kleine, zarte Blüten in vielen Farben. Und mit der Zeit geschah etwas Wunderschönen. Zwischen den schweren Steinen begann es zu blühen.

 

Zum ersten Mal spürte Anna wieder etwas Warmes in ihrem Herzen; Glück! Zufriedenheit! Liebe! Nicht, dass das Leben plötzlich leicht geworden war. Nicht, weil die Steine verschwunden waren. Sondern weil sie gelernt hatte, weiterzugehen – Schritt für Schritt. Und weil nun jemand an ihrer Seite war, der ihr immer wieder sagte: «Ich sehe dich. Du schaffst das. Ich bin stolz auf dich.“ Und in diesem Augenblick erfüllte ein stilles, warmes Glück Annas Herz – das sichere Gefühl, nicht mehr allein zu sein.

 

Gebet für Mut und Halt

Lieber Gott, manchmal fühlt sich unser Weg schwer an.
Manchmal tragen wir viele Steine auf unseren Schultern und unser Herz wird müde.

 

Wenn Enttäuschungen uns traurig machen oder wir uns allein fühlen,
dann schenke uns neue Kraft, damit wir nicht aufgeben.

 

Schenke uns Menschen, die uns sehen, die uns zuhören und die uns Mut machen.

 

Lass uns spüren, dass in unseren Mühen etwas wachsen kann –
so wie Blumen zwischen grauen Steinen.

 

Begleite uns auf jedem Schritt unseres Weges und erinnere uns daran, dass wir nie allein sind.

 

Denn du gehst mit uns, heute und an jedem neuen Tag.

Amen.

 

(Text: Tanja Brunner/Bilder: PixaBay)